Das Internet verändert sich - ist Web 2.0 eine neue Chance?
neu - 06. Dezember 2005

Die Humanisierung des Netzes
Medienforscher, Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer und nicht zuletzt Millionen User haben einen neuen Trend ausgemacht: "in" ist nicht mehr die Anonymität des Chatrooms, oder die Sterilität der Webforen, sondern wer etwas sagen will, tut dies ungeniert und offen. Schließlich soll jeder wissen was man denkt, tut oder plant. Dabei darf ruhig auch ein wenig Eitelkeit gezeigt werden.

Meinungen, Bilder, Erfahrungen, Erlebnisse, Lesezeichen und vieles mehr, werden mit anfänglich wildfremden Menschen ausgetauscht oder ihnen zugänglich gemacht. Und da es ja kaum noch Anonymität gibt, lernt man den anderen Menschen wirklich kennen, lernt sie zu verstehen, man hilft sich gegenseitig, sogar bis hin zu erfolgreichen Stellenvermittlungen.
Dabei hilft "Social Software" - weblogs, orkut.com, flickr.com, furl.net, del.icio.us, friendster.com, rss u.a.

Es ist diese neue Art der zwischenmenschlichen Kommunikation, die Mario Sixtus (www.sixtus.net) in seinem Artikel in der Wochenzeitung "Die Zeit" mit der "Humanisierung des Netzes" bezeichnete.

Die Software, die Tools, die Anwendungen, die mit unterschiedlichen Zielrichtungen diese Kommunikation zwischen den Menschen ermöglicht, nennt man "Social Software". Auch dieser Begriff ist noch so jung, wie das Phänomen an sich.

Bietet sich jetzt eine zweite Chance?
Ein auch in Deutschland populär gewordenes Beispiel daraus sind die Weblogs. Damit sind eigentlich Tagebücher gemeint, die sich allein in den USA täglich um 30 000 Seiten vermehren. Wer solch ein Weblog besitzt, ist ein Blogger und davon soll es viele geschwätzige geben. Andererseits gibt es bereits sehr viele Blogs auf hohem oder sehr hohem Niveau, darunter auch Reise-Blogs und in Deutschland.

Wer sich in der Blogosphäre umschaut wird manches gute Beispiel finden, wie man mit einem Blog Vertrauen und damit für sich selbst wirtschaftlichen Nutzen schaffen kann. Das ist besonders für den Mittelstand eine einmalige neue Chance, denn zwischenmenschliche Kommunikation, Authentizität und Vertrauen lässt sich leichter zwischen ansprechbaren Menschen vermitteln, als zwischen Marken.
Kostenlose Weblogs bieten: www.20six.de, www.myblog.de und www.blogger.com (Google).

Für die Leser, die den vorangegangenen Absatz vielleicht zu schnell überflogen haben, möchte ich der "Chance" ein anderes Gesicht geben. Sie erinnern sich sicher an den alten Chinesen, der an Reisende unzählige Kätzchen verkaufte. Eigentlich wollten die Käufer gar keine Katze, sie alle waren nur an der kleinen alten Mingschale interessiert, aus welcher die Kätzchen ihre Milch schlabberten.
In Europa würde man das vermutlich etwas weniger exotisch ausdrücken und einfach sagen: "mit Speck fängt man Mäuse". Und darum geht es. Doch der richtige Speck heisst nun nicht mehr "Rabatt" und "Billig", sondern Vertrauen aufbauen, Menschen kennenlernen, kommunizieren. Das darf ruhig kunden- orientiert sein, man will ja schließlich auch seine Authentizität unterstreichen. Aber man darf keinen alten Speck mehr anbieten.

Das Web 2.0 verändert das Internet
Auf der Tagung des Journalistennetz Jonet im November 2005 wurde bereits der Ausdruck "Journalismus 2.0" in Anlehnung an die Bezeichnung Web 2.0 verwendet.
Unter dem Begriff Web 2.0 versucht man die kommenden Trends und Tools zusammenzufassen.
Interessante Aussagen auf der o.g. Tagung waren:
"Die Grenzen zwischen Marketing und Journalismus, zwischen Mainstream- Medien und hausgemachten Inhalten verwischen genauso, wie die bisherige starre Abgrenzung zwischen Produzenten und Konsumenten. Gefragt ist mehr Kommunikation."
Weiter erkannten die Journalisten, dass das Web auch den Journalismus und das Berufsbild dse Journalisten verändern wird. Mit den üblichen aalglatten Pressemitteilungsphrasen kommt man in Zukunft nicht mehr weit. Das haben übrigens schon heute viele bloggende Politiker schmerzhaft erfahren müssen.

Die Journalisten waren sich auf ihrer Tagung auch einig, dass sie die Blogwelt als Frühwarnsystem nutzen müssen, um rechtzeitig auf Themen der Blogosphäre reagieren zu können. Denn jede Neuigkeit oder besonders inspirierter Eintrag kann in Windeseile zum großen Thema werden. Die mögliche Eigendynamik und die Kommunikationsmacht der Blogosphäre ist ohne gleichen.
Auf die Auswirkungen müssen sich viele Branchen einstellen.

Weblogs - beliebt und gefürchtet
Wie groß der Einfluss von Weblogs werden kann, ist besonders aus den USA bekannt. Dort formierte sich in den Weblogs die juristische Elite des Landes zu einer außerparlamentarischen Opposition gegen die Berufung von Harriet Miers als Bundesrichterin. In den USA war es auch, wo im Präsidentschaftswahlkampf 2004 die Weblogs ihren Durchbruch schafften. Seither spielen Blogs bei kleinen und großen Ereignissen eine bedeutende Rolle. Dies galt sowohl für "Katrina", als auch für Nahost oder die Unwetter auf den kanarischen Inseln.

Gleichmaßen gefürchtet und beliebt sind Weblogs bei den amerikanischen Unternehmen. Viele Top-Manager haben zwar ihre eigenen Blogs, interessanter sind jedoch die Mitarbeiter-Blogs. Für viele Firmen stellen diese inzwischen eine nie gekannte, ganz neue Herausforderung dar. Die Seiten sind trotz häufiger Lästerei nicht unbedingt destruktiv. Manches Management hat dies erkannt und liest regelmäßig mit, um besser über die Vorgänge im eigenen Unternehmen, aber auch über die Sorgen ihrer Mitarbeiter informiert zu sein.

Die FAZ erwähnte am 03. November eine Studie, wonach diese Blogs zu einem wichtigen Marketinginstrument werden können. Kunden vertrauen nämlich mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit den Worten eines durchschnittlichen Mitarbeiters als einem Vorstandschef. Womit sich wieder die Chance abzeichnet

Was sagen Fachwelt und Medien zu den Veränderungen im Internet?
Thomas Burg leitet das Institut Neue Medien an der Donau-Universität Krems und er kritisiert das "behäbige Verhalten der Internetnutzer im deutschsprachigen Raum" und fügt an:
"Für viele alteingesessene Internetnutzer ist Nachsitzen angesagt.
Eine E-Mail-Adresse zu besitzen und einen Web-Browser bedienen zu können, genügt nicht mehr, um "drin" zu sein.
Social Software verändert das Internet gerade gewaltig. Auch viele Zeitgenossen, die sich im Grunde ihres Herzens für Netz-affin halten, verpassen den Anschluss und wissen es nicht einmal.
Wer sich nur mit den bunten Frontseiten im Internet Web begnügt, verschläft die Entwicklung.
Tools wie furl.net und del.icio.us ermöglichen ein sehr viel effinzienteres Informations- und Wissensmanagement als Google."

Technologie bleibt nicht stehen.
Das Tempo der Veränderungen ist sehr, sehr groß

Seitenanfang